Wann haben wir verlernt, wahrhaftig zu sein?
18. Aug 2026 · Keramoti, Griechenland · 3 Min. Lesezeit
Wann haben wir verlernt, wahrhaftig zu sein? Helft mir. Ich hab das Datum vergessen.... Es muss irgendwann passiert sein, zwischen all den Sonntagsreden über Werte. Jeder trägt sie plakativ vor sich her wie einen Anstecker: Authentizität. Offenheit. Toleranz. Liebe. Respekt. Man postet sie, zitiert sie, nickt andächtig, wenn andere sie aussprechen. Und dann hält keiner mehr sein Wort, wenn's ganz banal darum geht, sich zu melden, wie versprochen!? In den letzten Wochen haben mir neun Menschen ein Datum genannt. Manche sogar eine Uhrzeit. Ein Termin, den sie selbst gesetzt haben, ungefragt, unaufgefordert — als würden sie mir damit etwas schenken wollen: Verlässlichkeit. Keiner hat sich gemeldet! Also hab ich gefragt, was dazwischenkam. Und bekam zurück: "Das nehme ich jetzt mal als Vorwurf auf. Nicht besonders fair von dir." Fair. Als wäre die Erinnerung an das eigene Wort der eigentliche Übergriff — und nicht das gebrochene Versprechen selbst. Wer Offenheit predigt und bei der ersten ehrlichen Nachfrage dichtmacht, hat das Wort nie verstanden. Wer Liebe im Mund führt und keine Zeit für die Menschen findet, die er liebt, betreibt Etikettenschwindel mit sich selbst. Und doch, in derselben Woche, fünf Gegenbeweise, die ich nicht gesucht habe — sie sind einfach passiert!!! Ein Mann, den ich vor einer Woche in den bulgarischen Bergen kennenlernte, saß mit seiner Familie an einer belebten Beach-Bar in Griechenland, unter gut 400 Menschen auf Liegen und unter Sonnenschirmen — 500 Meter Luftlinie von Frankies Standplatz entfernt, ohne dass er wusste, dass ich überhaupt in der Nähe war. Und trotzdem hat er mich entdeckt, genau in dem Moment, als ich am Strand entlang zurück zu Frankie ging. Wie wahrscheinlich ist das? Am Tag seiner Abreise bin ich bei 36 Grad die 14 Kilometer zu ihm hingefahren, nur um mich richtig zu verabschieden. Zwei Tage zuvor saß sein jüngster Sohn plötzlich weinend an unserem Tisch, wütend über etwas, das ihm widerfahren war. Ich hab ihn in den Arm genommen, drei Minuten lang gehalten, bis aus dem Schluchzen ein Lächeln wurde. Kein Wort nötig dafür. Kein Termin. Nur da sein, in dem Moment, in dem es zählte. Und zweimal, unabhängig voneinander, an einem Tag, bei zwei Männern, die sich nicht kennen und beide zufällig Dimitris heißen — ein Fahrradhändler, ein Bäcker — endete das Gespräch beim selben Punkt: Frieden, Liebe, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit. Beide legten zum Abschied die rechte Hand aufs Herz. Ohne Absprache. Ohne dass ich das Thema vorgegeben hätte. Fünf Menschen, denen ich vorher fremd war, haben in wenigen Tagen mehr Wahrhaftigkeit gelebt als neun, die mich seit Jahren kennen und mir ihr Wort gaben. Das ist der eigentliche Beweis: Wahrhaftigkeit ist kein Zufall der Nähe. Sie ist eine Entscheidung, die man in jedem Moment neu trifft — auch mit Fremden, auch ohne Termin, auch wenn's 36 Grad im Schatten hat und man dafür 14 Kilometer fahren muss. Ich werde weiter ehrlich sagen, was ich sehe, auch wenn das manchmal als Vorwurf ankommt. Denn die Alternative — schweigen, weiterlächeln, es hinnehmen — wäre unehrlicher als jede direkte Frage. Und ich reise nicht um die Welt, um genau das zu verlernen, was mir am wichtigsten ist: dass ein Wort etwas wert bleibt, oder man es gar nicht erst ausspricht. "Life is the sea, you are the lighthouse. Be strong brother and enjoy the sunrise every day." — Stoyan, mitten in dieser Woche, unaufgefordert, unverlangt. Ein Leuchtturm verspricht nichts. Er steht. Musikalisch begleitet von "The Truth" von Clawfinger — wer den Song kennt, weiß, worum es hier wirklich geht: https://youtu.be/ytFCrjRNi7k?si=7naVLSbOxWbTu79i
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